Robert Seethaler: Ein ganzes Leben
Written by Franziska Pütz |
 
Font size decrease font size increase font size
Rate this item
(0 votes)

Ein ganzes Leben in 230 Minuten? Kann man mehr als sieben Jahrzehnte Leben innerhalb von nur knapp vier Stunden erzählen? Man kann, wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert – so wie Robert Seethaler in seinem neuen Roman „Ein ganzes Leben“.

Erzählt wird die Geschichte eines im zwanzigsten Jahrhundert lebenden, einfachen Mannes, der gleichmütig und ohne zu klagen akzeptiert, was das Leben für ihn bereithält: einerseits eine freudlose Kindheit, die darauf folgende langjährige Arbeit als Seilbahnbauer in den Bergen und acht Jahre Aufenthalt als Soldat und Kriegsgefangener in Russland. Andererseits findet Andreas Egger die Liebe seines Lebens und die beruhigende Gewissheit, vom Leben nicht mehr als die ihm dargebotenen Möglichkeiten erwartet zu haben.

 

PersonalNOVEL - Personalisierte Bücher und Romane

Die Gedanken und Gefühle des Protagonisten kreisen nur in kleinen Bahnen um ein karges Leben, dem kein anderer Sinn gegeben wird als das Leben an sich. Keine Religion, keine Lebensphilosophie, keine Familie. Keine besondere Leidenschaft. Nur das Leben als solches. Aber Andreas Egger ist zufrieden. Am Ende kann die Hauptfigur von Seethalers fünftem Roman trotz erheblicher Rückschläge ohne Bedauern zurückblicken. Nichts anderes wird der bescheidene Mann gewollt haben.

Gelesen wird die Geschichte von Ulrich Matthes. Dessen raue, markante Stimme passt sehr gut zu dem einsilbigen und in sich gekehrten Protagonisten, der den technischen Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts als Seilbahnarbeiter zwar mit vorantreibt, ihm im Privaten jedoch nur zögernd entgegen tritt und ihn bis zum Schluss kaum in sein Leben integriert. Auch die vielen Touristen, die mit der Zeit in immer größeren Mengen in das Bergdorf kommen, sind dem Eigenbrötler fremd. Sie passen nicht recht zu ihm und der Stille seines Heimatdorfs – ein Ort, der auf dem Cover so treffend als „Nirgendwo in den Bergen“ beschrieben wird.

Ulrich Matthes kann die Atmosphäre des Bergdorfs von Beginn an überzeugend vermitteln. Als Hörer fühlt man sich direkt versetzt in die kalte und verschneite Winterlandschaft, die ihre Stille und Einsamkeit mit der Romanfigur teilt. Obwohl Andreas Egger kein Mensch großer Gefühle und Worte ist, verliert sich seine Darstellung nicht in Monotonie. Keineswegs kratzt Matthes nur an der Oberfläche der Figur. Mit Fingerspitzengefühl entlockt der synchron-erfahrene Schauspieler dem nüchternen Egger so manche Regung, sodass er nicht immer derart verschlossen bleibt wie es auf den ersten Blick erscheint. Dies wird besonders deutlich, als sich der Protagonist verliebt und seinen Gefühlen auf rührende Art und Weise Ausdruck verleiht.

Die glücklichen Zeiten im langen Leben des naturverbundenen Mannes sind jedoch immer nur von kurzer Dauer. Er erträgt dies erstaunlicherweise ohne Verbitterung und Selbstmitleid. Unterschwellig scheint Egger zwar immer wieder von einer gewissen Traurigkeit begleitet zu werden. Diese ergreift jedoch nie dauerhaft von ihm Besitz. Das ist vielleicht das wirkliche Glück in Andreas' Eggers Leben.

 

Unsere Bewertung:

Sprecher:
Handlung:
Charaktere: (3,5)
tech. Umsetzung:
Cover: 
Emotion: (3,5)
 
23 Punkte = Hörspaß

Cover: © tacheles

Jetzt bei audible downloaden

oder