Jan Weiler: Kühn hat zu tun
Written by Martina Ernst |
 
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Mit „Maria, ihm schmeckt‘s nicht!“ gelang Jan Weiler 2004 der Durchbruch. 2011 wurde er mit dem Ernst-Hoferichter-Preis ausgezeichnet. In „Kühn hat zu tun“ nimmt Jan Weiler das idyllische Vorstadtleben aufs Korn und bringt seine Hauptfigur Polizeihauptkommissar Martin Kühn an den Rand der Verzweiflung.

März 1945, Rupert Baptist Weber, Direktor einer Munitionsfabrik, muss sich eingestehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist. Weber stellt Geschosse für die Wehrmacht her. Ausgerechnet sein Verkaufsschlager, der Infanterie-Spitz, wurde 1mm zu kurz hergestellt. Sabotage oder Schlamperei? So oder so, Weber fürchtet eine Verurteilung als Kriegsverbrecher und setzt seinem Leben ein Ende. Als die Amerikaner die Fabrik entdecken, finden sie nicht funktionstüchtige Munition vor und sind voll des Lobes für den genialen Saboteur Rupert Baptist Weber. Jahre später werden Plätze und Orte nach ihm benannt. Es gebt die Weberhöhle, die Weberarkaden und den Rupert-Baptist-Weber-Platz. Nahe der S-Bahn-Station Weberhöhle wohnt Polizeihauptkommissar Martin Kühn mit Frau Susanne, der 7-Jährigen Tochter Alina und dem 16-Jährigen Sohn Niko. Alina wünscht sich zum Geburtstag ein Pony. Ein alter Mann wird in seiner Wohnung erschlagen. Es bleibt nicht bei dem einen Mord. Die Probleme wachsen Martin Kühn so langsam über den Kopf.

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Der Anfang, der so scheinbar gar nichts mit der weiteren Geschichte zu tun hat, verwundert. Ist die falsche CD im CD-Player gelandet? Nein, alles richtig. Die Zusammenhänge werden bald deutlich. Jan Weiler erzählt mit viel Sarkasmus und Ironie von Lügen und Täuschungen, einem überforderten Polizeihauptkommissar und einer ins Wanken geratenen Idylle. Niemand will die Wahrheit über Rupert Baptist Weber wissen. Mit den zwei Sinti-Demonstranten, die bei der Eröffnung der S-Bahn-Station „Weberhöhle“ das Plakat „Gegen Geschichtsverfälschung, für Opferentschädigung“ hoch halten, kann niemand etwas anfangen. Wie schnell wird aus einem Bösen ein scheinbar Guter? Polizeihauptkommissar Martin Kühn muss sich mit utopischen Wünschen, Rechtsextremismus, einem lästigen Ohrwurm, unfassbaren Taten und einem eiskalten Sadisten auseinandersetzen. Sehr unterhaltsam ist die Vernehmung des freien Fitnessberaters Roger. Kühn schafft es, den Verdächtigen komplett zu verwirren. Das Martin Kühn fast immer beim Nachnamen genannt wird, ist nur eine Variante des Humors. Jan Weiler liest sein Hörbuch erfrischend lebendig, spielt mit Laut und Leise und zeigt bei ein paar Charakteren wie Martins Kollege Thomas oder Martins Nachbar Dirk Wandlungsfähigkeit. Wie arbeitet eine Cyber-Prostituierte? Warum kann man Banken nicht trauen? Was passiert, wenn man Milchreis im Kopf hat? Die 8 Stunden und 28 Minuten vergehen dank Sprecher und Autor Jan Weiler wie im Flug. Das Ende ist anders als erwartet und macht aus einem unterhaltsamen Hörbuchspaß einen Krimi. Läuft ein Großvater-Mörder herum? Wer ist für eine Entführung verantwortlich? Zum Schluss häufen sich die Nackenschläge für Martin Kühn. Einiges ist nicht vorhersehbar, der Plot ungewöhnlich konstruiert. Jan Weilers ganz eigener Erzählstil hat einen hohen Unterhaltungswert.    

Das Cover zeigt die Ironie der Geschichte. Was ist Wahrheit, was Lüge? Wie schnell kann sich das Blatt wenden? „Kühn hat zu tun“ überrascht, bringt zum Lachen, ist ernsthaft, schockiert. Für dieses Hörbuch gibt es keine passende Vorbereitung außer Lärm aussperren, gekühlte Getränke und leckere Snacks in Reichweite platzieren und sich nicht stören lassen.

 

Unsere Bewertung:

Sprecher:
Handlung: (4,5)
Charaktere: (4,5)
tech. Umsetzung:  (4,5)
Cover:  (3,5)
Emotion:
 
26 Punkte = Ohrenschmaus

Cover: © hörverlag

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