Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe
Written by Martina Ernst |
 
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Alina Bronskys Debütroman „Scherbenpark“ wurde 2013 mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle verfilmt. Ihr Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2015.

Die ehemalige medizinische Hilfsschwester Baba Dunja kehrt in ihr Haus in Tschernowo zurück. Nach dem Reaktorunglück ist das Dorf eine Todeszone. Nur wenige Menschen trauen sich hier zu leben. Baba Dunja ist die gute Seele der Gemeinschaft. Sie baut Gemüse in ihrem Garten an, kocht jeden Tag frisch. Für sie ist Tschernowo trotz Strahlenbelastung ihre Heimat. Mit ihrer Tochter Irina und Enkelin Laura hält sie Briefkontakt. Ihre Enkelin hat sie noch nie gesehen. Von Irina bekommt Baba Dunja regelmäßig Pakete zugeschickt, deren Inhalt sie mit Nachbarin Maja und anderen Dorfbewohnern teilt. Besorgungen können nur in der nächstgelegenen Stadt erledigt werden. Zwei Stunden Fußmarsch sind es für Baba Dunja allein bis zur Bushaltestelle. Als zwei Fremde auftauchen, steht die Fast-Idylle auf dem Spiel.

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Die Geschichte startet originell mit Hahn Konstantin, der Nachbarin Maja gehört und mit seinem morgendlichen Krähen nicht nur Baba Dunjas Nerven strapaziert. Es kommt zu einem unvorhergesehenen Ereignis. Die Bilder im Kopf entstehen wie von alleine. Sprecherin Sophie Rois schlüpft in die Rolle der Baba Dunja. Ihre Stimme passt perfekt zur unerschütterlichen, über achtzigjährigen Hauptfigur. Durch die Ich-Perspektive läuft die Geschichte wie ein Film ab. Warum entscheidet sich ein Mensch in einer strahlenverseuchten Gegend zu leben? Keiner der Dorfbewohner hat mehr etwas zu verlieren. Jeder sucht Ruhe und Frieden. Die meisten wollen wenig Kontakt. Baba Dunja setzt sich gegen ihre Tochter durch und lässt sich nicht von einem Lebensabend in Tschernowo abbringen. Ein großes Opfer muss sie dafür bringen. Sie wird ihre Enkelin Laura nur auf Fotos sehen. Autorin Alina Bronsky nimmt sich einem ernsten Thema auf warmherzige, einfühlsame Art an. Jeder Dorfbewohner hat seine Eigenarten. Es sind die Widersprüche, die Humor in die Geschichte einfließen lassen. Nachbarin Maja nimmt Medikamente, um ihre Gesundheit nicht aufs Spiel zu setzen. Baba Dunja lobt die fruchtbare Gegend. Der fast hundertjährige Siderow verzichtet auf Salz und Zucker, weil es ungesund ist. Maja hat Angst vor Handystrahlung. Das Reaktorunglück ist eigentlich nur Thema, wenn ungewöhnliche Beobachtungen ins Spiel kommen. Warum geben die Zikaden hier andere Töne von sich? Warum weben die Spinnen andere Netze? Warum gibt es so wenige Vögel, dafür aber viele Katzen? Forscher trauen sich nur mit Schutzanzug ins Dorf und fassen Baba Dunjas Tomaten nur mit Handschuhen an. Baba Dunja strotzt allen Vorurteilen. Die Strahlenbelastung wurde zwar bei ihr nachgewiesen, aber sie ist nie krank gewesen. Sie schwört auf Birkensaft. Ein Augenzwinkern folgt dem anderen. Zitat Baba Dunja: „Der Tod kann kommen, aber höflich.“ Die skurrile Fast-Idylle wird erst erschüttert, als die Dorfgemeinschaft ungewollten Zuwachs erhält. Jeder ist willkommen, aber der Fremde übertritt mit seiner Begleitung eine unsichtbare Grenze. Das Blatt wendet sich überraschend. Gibt es einen Ausweg? Auch hier geht der schräge Blick aufs Geschehen nicht verloren.  

Der Titel irritiert. Oder ist mit „Baba Dunjas letzte Liebe“ die Heimat gemeint? Tatsächlich wird Baba Dunja auf besondere Weise von ihrer letzten Liebe begleitet. Das Cover zeigt die ältere Dame in jungen Jahren. Die Farben haben etwas Nostalgisches. Herangehensweise und Umsetzung eines leider aktuellen Themas „Reaktorunglück, Strahlenbelastung, Todeszone“ sind beeindruckend. Mit ihrem ganz eigenen Charme bleiben die Charaktere im Gedächtnis. Selbst Hahn Konstantin kann man nicht so schnell vergessen. Sarkasmus darf nicht fehlen. Es gibt mehr als einen Grund "Baba Dunjas letzte Liebe" nicht zu verpassen.

 

Unsere Bewertung:

Sprecher:
Handlung: 
Charaktere: 
tech. Umsetzung:
Cover:  (4,5)
Emotion: (3,5)
 
27 Punkte = Ohrenschmaus

Cover: © roof music

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