Volker Hauptvogel: Fleischers Blues
Written by Martina Ernst |
 
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Volker Hauptvogel gründete 1978 die erste Punk-Band-Berlins MDK (Mekanik Destrüktiw Komandöh) und 1984 den legendären ¿Pinguin-Club¿. In „Fleischers Blues“ gibt der Tausendsassa, der auch als Schriftsetzer, Kleindarsteller, Restaurantbesitzer und Theaterschauspieler arbeitete, einen ungewöhnlichen Einblick in das Leben im alten West-Berlin.

Als Fleischer Mitte der 70er-Jahre von Bremerhaven nach Berlin zieht, wird er Teil einer skurrilen Szene. Sex, Drugs & Rock’n’Roll bestimmten schon vorher sein Leben. In Berlin stehen ihm mehr Türen offen. Zusammen mit Freund Ede geht Fleischer in den Szeneläden ein und aus. Trotz seines unsteten Lebenswandels schafft er es sogar, wieder ins geregelte Arbeitsleben zurückzukehren.

 

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Volker Hauptvogels Kumpel Stephan Remmler spricht das Intro. Die Rolle des Erzählers übernimmt Guntbert Warns. Die Geschichte beginnt am 22.9.1981. Rückblicke führen aber auch in frühere Jahre zurück. Protestmärsche, Protestaktionen, Fleischer ist nicht der Typ, der im stillen Kämmerlein auf Veränderung hofft. Sein Leben finanziert er sich eine zeitlang auf unübliche Weise. Die Anderen scheinen ihm immer mit Respekt zu begegnen. Konflikte mit dem Gesetz gehen glimpflich aus. Interessant sind Fleischers Begegnungen mit schrägen Typen wie IRA-Thommy, Schnaps-Babsi und Schmutz-Fuß. Freundschaften und Kontakte sind im West-Berlin der 70er und 80er Jahre alles wert. Als Fleischer als Fleischfresser in einer Veganer-WG mit strengem Regelwerk landet, sind die Gegensätze zu krass, um bleiben zu können. Volker Hauptvogels Held Fleischer wirkt in allem, was er macht, souverän und lässt nie das Bild einer verkrachten Existenz aufkommen. Seine erste Wohnung in West-Berlin bedeutet ihm alles. Chaos kann ihn auch zu einer 180 Grad-Wendung animieren. Unter seinem Umzug leidet seine Dreier-Beziehung zu Meggie und Cola. An die West-Berliner Mädels muss sich Fleischer erst gewöhnen. Nicht nur als Frauenheld stehen ihm die Türen offen. Fleischer hat Zugang zur Unterwelt, einem Keller, in dem sich hauptsächlich Rocker tummeln, und einem Piraten-Radiosender, der von der Polizei immer wieder aufs Korn genommen wird. Nach dem Motto „Im Moment kann alles passieren“ wird es in Fleischers Leben nie langweilig. Wie viel Volker Hauptvogel steckt in Fleischer? Tatsächlich hat wohl Einiges biografische Stempel oder Züge. Mit Kumpel Ede gibt es Ärger als Fleischer sich ausgerechnet mit einer Polizistin einlässt. Entgegen der Annahme geht das Pulverfass nicht in die Luft. Dafür gibt es auf CD 3 Einiges zum Schmunzeln und am Ende des Hörbuchs geht es dramatisch zu. Stephan Remmler spricht auch die Kapitelüberschriften. Besser wäre es gewesen, man hätte dies auch Erzähler Guntbert Warns überlassen. So entstehen kleine Pausen und Stephan Remmlers Stimme wirkt zu sehr eingebaut. Interessant ist das Gedicht am Schluss. Den Ausklang bildet ein Lied, das den Zuhörer wieder munter werden lässt.    

Schwer die Details dieses Hörbuchs für ein Cover in Szene zu setzen. Das Bier in der Mitte ist auf jeden Fall treffend gewählt. Der Titel macht neugierig auf den Inhalt. Tatsächlich erlebt Fleischer am Ende der Geschichte einen Blues. Die Geschehnisse berühren. Bis dahin ist es eher, als würde ein guter Freund von seiner Vergangenheit und so manch unglaublichen Erlebnissen erzählen. „Fleischers Blues“ spricht eher ein begrenztes Publikum an, das sich an Zeiten in West-Berlin erinnern möchte oder zumindest Fan von Volker Hauptvogel und seinen Aktivitäten ist.   

 

Unsere Bewertung:

Sprecher:
Handlung: (2,5)
Charaktere:
tech. Umsetzung: (3,5)
Cover:
Emotion: (2,5)
 
18,5 Punkte = Rohdiamant

Cover: © Deutsche Grammophon Literatur

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