Lo Malinke: Alle müssen mit
Written by Franziska Pütz |
 
Font size decrease font size increase font size
Rate this item
(0 votes)

Man nehme eine Hand voll Familienmitglieder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sowie einen verschrobenen Reiseleiter. Allesamt packe man in einen kleinen Reisebus, der mit ihnen von Deutschland nach Polen zockelt, um dort die Asche des ungeliebten Familienoberhauptes zu verstreuen: schon hat man vielversprechende Zutaten für ein unterhaltsames Roadmovie – oder im Fall von „Alle müssen mit“: Road-Hörbuch – beisammen.

Doch besonders fröhlich beginnt die Geschichte, die der Autor selbst in siebeneinhalb Stunden liest, nicht: Die Vorstellung der drei Geschwister Inge, Klaus und Uwe, die die Asche ihres Vaters in Polen verstreuen sollen, um das Erbe antreten zu können, vermittelt ein trauriges Bild: keiner der drei ist mit seinem Leben zufrieden. Weder beruflich noch privat scheinen die alleinstehende Krankenschwester, der trinkfreudige Taxifahrer und der einsame Hundesitter das große Los gezogen zu haben. Alle fühlen sich mehr oder weniger gescheitert angesichts der eigenen Unzulänglichkeiten. Alle wirken desillusioniert und erdrückt von dem Gefühl, den Ansprüchen ihres Umfeldes nicht gerecht zu werden. Keiner vertraut sich jedoch dem anderen an: die Geschwister haben schon vor langer Zeit den Kontakt zueinander abgebrochen. „Das ist keine Familie. Das ist eine Zumutung.“, beschreibt daher auch äußerst treffend ein Mitglied dieser Zumutung die familiäre Situation.

 

Momox.de - Einfach verkaufen.

 

Nach der Einführung dieser oft mitleiderregenden und manchmal beklagenswerten Figuren eröffnet sich jedoch ein Hoffnungsschimmer: die Reise nach Polen, die allen die Möglichkeit bietet, sich selbst und wieder zueinander zu finden. Gewiss kein leichtes Unterfangen, bei dem etliche Hürden zu meistern sind. Ob das allen Beteiligten gelingt? Diese Frage bleibt bis fast zum Schluss offen und die Geschichte daher interessant.

Lo Malinkes Hörbuch „Alle müssen mit“ ist daher insbesondere eine Familiengeschichte. Sie lebt von den Unwägbarkeiten der abenteuerlichen Reise, den typischen Konflikten zwischen kleinen und großen Geschwistern und Menschen, die mit sich selbst (noch) nicht im Reinen sind. Es ist aber auch eine Geschichte, die die Vergangenheit nicht ruhen lässt: immer wieder geht es um die Kindheit der Geschwister, die geprägt ist vom frühen Tod der Mutter und der damit einhergehenden Ohnmacht des Vaters. Auch das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen kommt immer wieder zur Sprache. Trotz dieser mitunter schwierigen Themen und den anfangs entmutigten Charakteren, ist das Hörbuch kein schwermütiges Drama. Es gibt viele witzige Momente, in denen der Autor ehrlich und mit viel Fingerspitzengefühl von menschlichen Schwächen erzählt. Dass er dabei das ein oder andere Mal in Kuriositäten schweift, mag vielleicht nicht jeden Hörer begeistern; mit einigen komischen, übertriebenen Situationen und den manchmal trübsinnigen Figuren kann sich nicht jeder anfreunden.

Empfehlenswert ist die Geschichte insgesamt dennoch: die Charaktere wirken trotz oder gerade wegen ihrer Macken durchdacht. Ihre Gefühle decken das ganze Spektrum ab: von Heiterkeit bis Verzweiflung wird alles durchlebt. Wer somit gerne in die Gedanken und Gefühle wunderlicher Personen eintaucht, wird von dem Hörbuch nicht enttäuscht. Es zeichnet sich zudem durch den sprachlichen Witz und die unterhaltsame Vortragsweise des Autors aus. Anregungen, um sich auch noch nach dem Hören mit der Geschichte auseinander zu setzen, bieten die Weisheiten, die Malinke den Figuren gelegentlich in den Mund legt: „Man kriegt alles hin, wenn man selbst die größte Scheiße als nur vorübergehend begreift.“ Da ist doch etwas Wahres dran?

 

Unsere Bewertung:

Sprecher: 
Handlung: (3,5)
Charaktere: 
tech. Umsetzung: 
Cover:
Emotion:
 
23,5 Punkte = Hörspaß

Cover: © tacheles

Jetzt bei thalia bestellen

oder