Nele Pollatschek: Das Unglück anderer Leute
Written by Martina Ernst |
 
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„Das Unglück anderer Leute“ ist der Debüt-Roman von Autorin Nele Pollatschek. Thenes Familie ist eine einzige Herausforderung - und das nicht nur für die Protagonistin der Geschichte.

Die 25-Jährige Oxford-Studentin Thene steht kurz vor ihrer Masterverleihung. Die Anreise der Familie ist getrennt geplant. Thene ist mit Vater Georg und Oma Patrizia unterwegs. Ihre Mutter Astrid möchte vom Autobahnzubringer abgeholt werden. Bei Thene kommen Wut und Erinnerungen hoch.

 

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„Ich hasste meine Mutter.“ Thenes Vorstellung von Mutterliebe aus Disney-Filmen ist längst zerplatzt. Warum sie so heftig reagiert, wird im Laufe der Geschichte deutlich. Durch die Ich-Perspektive sind Leser und Zuhörer nah an Thenes Gefühlsausbrüchen dran. Nur Georg verteidigt Astrid und ihre Marotten. Thenes finanzielle Abhängigkeit von der Mutter lässt ihr wenig Spielraum, den Auseinandersetzungen ganz aus dem Weg zu gehen. „Es gibt Menschen, die liebt man, aber man kann sie nicht leiden.“ Jasna Fritzi Bauer ist Thene. Der Eindruck entsteht schnell. Sprecherin und Rolle verwachsen miteinander. Dadurch wirkt Thenes Welt sehr real. Am Anfang hat der Erzählstil einen hohen Unterhaltungswert. Mit einem Schicksalsschlag ändert sich alles. Aus dem humorvollen Desaster wird ein echtes. Thenes Rationalität erschreckt. Sie verklärt nichts, ihr Blick auf die Welt hat sich nicht verändert. Rührend wie sich Thene Sorgen um ihren Bruder, den 15-Jährigen Elijah, macht. Zur 5-Jährigen Trixi hat sie keine enge Verbindung. Die kaltherzig wirkende Thene lässt sich dank ihrer Erinnerungen an die Trennung der Eltern, Georgs fünfjährige Abwesenheit und Vorwurfs-Tennis und Schreigefecht mit Astrid immer besser verstehen. „Jeder auf seine Weise waren wir alle Lügner.“ Im letzten Hörbuchdrittel überrascht der Fokus auf Oma Liesel und Opa Karl. Noch einmal nimmt die Geschichte eine Wende. Sie rutscht weg von der Realität ins Rabenschwarzeund Skurrile. „Das macht doch keinen Sinn, dass die Bekloppten alle bei uns sind.“ Die Regeln der Wahrscheinlichkeit wurden auch für Elijah ein paar Mal zu oft missachtet. Das Ende setzt noch einen drauf.

Auch wenn der Titel genügend Anziehungskraft hat, die umgedrehte Eistüte ist etwas zu mager, um ihn in Szene zu setzen. Zum Sarkasmus passt das Schwarz-Weiß, aber die Gestaltung wirkt dadurch noch weniger kreativ. „Das Unglück anderer Leute“ nimmt die Patchwork-Familie und den Tod auf die Schippe. Bissig, schräg und am Ende ziemlich drüber. 

 

Unsere Bewertung:

Sprecher: (4,5)
Handlung: (2,5)
Charaktere: 
tech. Umsetzung:  (4,5)
Cover:  (2,5)
Emotion:
 
20 Punkte = Rohdiamant

Cover: © tacheles!