Doris Niespor: Die Gewandschneiderin
Written by Ulrike Stiefelhagen |
 
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Ein Frauenroman, und zwar ganz im herkömmlichen Sinne: Doris Niespor erzählt die Geschichte von Anna, die den unwahrscheinlichen Aufstieg vom flüchtenden Waisenkind zur erfolgreichen Schneiderin schöner Gewänder wagt. Anna ist eine gelehrige Schülerin, gut zu Armen und Kranken, fleißig, und natürlich keusch (moralisch lassen hier die Gebrüder Grimm grüßen, auch wenn der Beruf den Mann als Traumziel ersetzt).

Im mittelalterlichen Norddeutschland erlebt das einfache, gute Mädchen Anna mutig Abenteuer, ist vorsichtig und wird trotzdem Opfer, schließt Freundschaften, setzt sich für andere ein und beweint Verluste. Durch ihre beinahe unaushaltbar bescheidene und gutmenschliche Art hat sie durchschlagenden Erfolg bis nach ganz oben. Schließlich landet sie im Zentrum der Macht. Auch hier trifft sie auf die interessantesten Menschen und Einstellungen – und findet letztendlich doch ihren eigenen Platz. Denn trotz ihrer küchenpsychologisch erklärten Ängste (Feuer - ihre Mutter starb im Feuer; Männer - der Mann ihrer Lehrherrin wollte sie vergewaltigen) kann sie auf beruflichen Erfolg hoffen. Denn sie hat, was man dazu nicht nur im Mittelalter benötigte: Sie verhandelt hart um den Einkaufspreis von Stoff, sie näht eine bisher nicht gesehene weiche Puppe (ja, Margarethe Steiff hatte ein mittelalterliches Vorbild ;-)) und weckt geschickt die Wünsche der Kinder, damit diese dann ihre Eltern überreden, die Puppe zu kaufen.

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Neben dem aus anderen Romanen bekannten Mittelalter-Personal – wie dem klugen und besonnenen Baumeister, der hartherzigen Tante, dem bösartigen Onkel – bleiben in Niespors „Die Gewandschneiderin“ zum Glück nicht alle Begegnungen in Klischees stecken. Fast scheinen die Wünsche und Sorgen der Menschen aber sehr aus dem Heute zu stammen: Wie vereinbare ich Job und auf Kinder aufpassen, wie wehre ich mich gegen sexuelle Übergriffe, und wie verhindere ich nach fleißiger Arbeit, dass mir jemand den größten Teil des Lohns abnimmt und mir dann – gnädigerweise – einen Bruchteil davon zurückgibt?

Auch wenn die Umsetzung als Hörbuch bei weitem zu lang geraten ist (ca. 15 Stunden) ist die Geschichte unterhaltsam und trotz geschilderter Grausamkeit leicht verdaulich. Musik wird nur sehr dezent eingesetzt. Die Stimme von Katharina Guleikoff ist angenehm und trotz Länge des gelesenen Texts eine gute Vorlesestimme – hier hat Thono Audio gegen den Trend, Verkäufe über einen prominenten Sprechernamen zu generieren, eine solide Wahl getroffen. Dies ist ein Hörbuch für Frauen, Freunde des romantisierten mittelalterlichen Lebens, und vielleicht auf für Träumerinnen, die nach Motivation suchen.

 

Unsere Bewertung:

Sprecher: 
Handlung:  
Charaktere: 
tech. Umsetzung:
Cover:  -
Emotion:
 
7 Punkte = Tinnitus

Cover: © Thono Audio

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