Giacomo Casanova: Geschichte meines Lebens
Written by Ulrike Stiefelhagen |
 
Font size decrease font size increase font size
Rate this item
(1 Vote)

„Ich war von mir entzückt!“ schreibt Casanova in seiner Autobiografie – „Sex sells“ oder intellektuelles Vergnügen? Ein Zwischenbericht. Warum möchte man unglaubliche 137 Stunden dem Lebensbericht des Casanova, seines Zeichens schamloser Verführer, reisender Hochstapler und Höfling, lauschen? Frauen sind Casanovas Objekte – Männer kommen ebenfalls nicht gut weg. Teils beängstigend offen listet Casanova seine Begegnungen, Details seines Lebens, auf – und auch Casanova selbst kommt nicht gut weg in seinen Memoiren. Warum schreibt Casanova das alles eigentlich auf?

Er schreibt im Alter, verarmt und abgeschieden lebend. Erst ein Freund schlägt vor, seine Memoiren zu veröffentlichen. Doch der Text wird zunächst vom Verlag abgelehnt. Gedruckt wurde er erstmals lange nach Casanovas Tod, in Übersetzung, und auch später nur in Auszügen und stark bearbeitet: entweder nur Sex – oder ohne Sex. Heute polarisiert die Überlänge der Hörbuchproduktion. Welche Erwartungen erfüllt „Casanova – Geschichte meines Lebens“?

 

Audible.de

 

Unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen, zeigt Casanova von Beginn an das Wissen, etwas ganz Besonderes zu sein. „Noch heute erinnere ich mich gerne des angenehmen Eindrucks, den ich auf mich selbst machte, als ich mich nach Herzenslust in einem schönen Spiegel bewundern konnte. Ich war von mir entzückt!“ Und er war tatsächlich ausgiebig von sich entzückt. Sein Weg führt im ersten Abschnitt von den privaten Gemächern Venedigs über solche in Rimini, Bologna, Rom und Korfu. Casanova findet eine interessante Gelegenheit, verscherzt es sich, und muss fliehen – wobei ihm unterwegs die nächste Gelegenheit über den Weg läuft.

Neben dem zum Sprichwort gewordenen Verführer trifft man in dieser ungekürzten Lesung zunächst den schon früh sich seiner selbst bewussten Manipulator. Während der Schilderung seiner – je nachdem notwendigen oder aus Lust begangenen Lügen und Verschweigungen – verführt er zahlreiche Damen und Mädchen, und vielleicht auch ein klitzekleines bisschen sich selbst – vor allem, wenn er die Notwendigkeit seiner Taten herausstellt. Doch ist er kein übermächtiger Held, auch Niederlagen muss er durchstehen. Casanovas Rückblick auf sein frühes Leben zeigt, wie es sich lebt, wenn man stets sich selbst treu ist – und er ist genau betrachtet nur seiner selbst treu. Um die Spannung, die entsteht, weil Casanova dabei notwendigerweise anderen auf die Füße tritt, auszuhalten, darf er sich also gar nicht als mächtig beschreiben – denn dann müsste er ja Verantwortung übernehmen. Casanova hingegen ist ein zufriedenes Schlitzohr: Wenn jemand dumm genug ist, sich von ihm einwickeln zu lassen, ist er es nicht selber Schuld? Dieser Logik kann man sich eigentlich nur schwer entziehen.

Manche Episoden seiner Geschichte bereut er, doch die negativen Gefühle halten bei Casanova nie lange an. Er hat einfach das bessere Geschick in der öffentlichen Darstellung als andere! Vielleicht ist es diese fehlende Tiefe, der Mangel, persönlich betroffen zu sein, die an Casanova so ärgert, - und, dass er damit durchkommt. Einige Male muss er sich dann doch aus großen (finanziellen und gesellschaftlichen) Tiefen wieder hocharbeiten. Bei letzterem helfen ihm seine Fähigkeiten als sehr genauer Beobachter von Beziehungen und Persönlichkeiten, die faszinieren. Die Hemmungslosigkeit, mit der er sein Wissen einsetzt, erschreckt jedoch.

 

Die Idee, seine Freude an zwischenmenschlichen Begegnungen zur treibenden Kraft seiner Reisen zu machen, bringt auch die privaten Räume und Gewohnheiten der Menschen, denen er begegnet, mit in die Erzählung. Aus seiner Autobiografie wird so für heute auch ein Blick in das Leben der Menschen damals – vom Haarekämmen über das Zusammenleben mit Bediensteten bis zur üblichen Zimmerordnung für Gäste. Also den Teilen des Lebens, die man eigentlich in Gesellschaft nicht erzählen, geschweige denn aufzeichnen würde – entweder weil sie zu intim sind, oder um nicht zu langweilen. Aber Casanova erzählt sie doch. Lange jedoch wurde sein Manuskript, geschrieben Ende des 18. Jahrhunderts, nicht veröffentlicht – und als es 1820 endlich den Weg zu einem Verlag gefunden hatte, wurden die intimen Beschreibungen für skandalös befunden.

Dieses Hörbuch ist wirklich ein Mammut-Werk, wie der Buchfunk Verlag es verkündet: unglaubliche 137 vorgelesene Stunden eines Weltliteratur-Klassikers, geschrieben Ende des 18. Jahrhunderts, gelesen von einem einzelnen Sprecher und ohne jegliche musikalische Auflockerung. Vielleicht stürmt der reine Text heute nicht die Bestsellerlisten (obwohl das Prinzip des die Schamgefühle ausnutzenden Skandals ja noch funktioniert, siehe den Erfolg von „Shades of Grey“). Dieses Hörbuch ist mehr als ein intellektuelles Vergnügen für Freunde des Lebens im Europa des 18. Jahrhunderts. Es lässt sich wunderbar durchhören. Dies liegt besonders an Alexis Krüger, der so entspannt und abwechslungsreich liest, und so dezent betont, dass die aufgelisteten Sexszenen nicht allzu platt wirken. Es offenbart sich kein ein lüsternern Alter (zumindest in den ersten 20 Stunden) – sondern eher ein jugendlicher Genießer. Dieser spürt, dass er neben viel Freude auch Einigen großes Verderben bringt - weiß dies aber recht geschickt vor sich zu verbergen, andernfalls rechtfertigt er es kurzerhand. Echtes, mitfühlbares Leid auf Seiten Casanovas (abgesehen von seiner chronischen Mittellosigkeit) kommt in seiner frühen Lebenszeit nur am Rande vor. Die sensible Leseweise von Alexis Krüger lässt hingegen virtuos Casanovas Humor aufblitzen, z. B. in einer Pferdediebstahlszene, in der Casanova beschreibt wie er völlig zufällig und ohne eigenes Zutun in den Besitz eines fremden Pferdes kommt – über die man im Text vielleicht einfach hinweg gelesen hätte. Selten ist die Hörbuchversion dem geschriebenen Text mit solchem Abstand vorzuziehen wie in dieser Produktion mit Alexis Krüger. Den Text hätte ich vermutlich niemals zu Ende gelesen – bei dieser Hörbuchversion ist das trotz unglaublicher Länge durchaus möglich. Dabei gibt es deutlich kürzere Versionen, wie die des prominenten Sprechers Simon Jäger. Seine Version („Casanova. Erinnerungen“, ca. 9 Stunden) bewirkt einen komplett anderen Eindruck: Mit Musikeinspielern, stark gekürzt und explizit in eine neue Reihenfolge gebracht, wird der Text pointiert zum Verführungs-Bericht. Genau diesen Umgang mit Casanovas Autobiografie kritisiert Roger Willemsen (sein Text liegt im Booklet bei) aber als „verengte Auslegung“, „Verfälschung, [...] Reinigung und Verschweinung“, die Casanovas Werk seit Erscheinen begegnet sei. Der Text verlangt anscheinend nach Bearbeitung, nach der Herausarbeitung einer Aussage, einer Richtung, und einer Zuspitzung durch Kürzen. Mit allen Aspekten, die Casanova ansammelt, nebeneinanderstellt, ausplaudert, entsteht doch kein rundes Bild. Lustigerweise geschieht Casanovas Memoiren damit genau das, worauf innerhalb seines Berichts sein Erfolg beruhte, das ihm aber nicht immer gelang: dem geschickten Lenken der öffentlichen Meinung zu seinen Gunsten. In dieser ungekürzten Lesung kann nun jeder, der sich nicht die 137 Stunden Zeit nimmt, sein eigenes Casanova-Extrakt zusammenstellen.

 

Bisher hat Casanova sich übrigens schon mächtig entwickelt: Vom kränklichen Söhnchen mit Schlafproblemen zum neugierigen Schmeichler, der Widerständen aus dem Weg geht, und keine Scheu hat, sich brenzligen Situationen beherzt zu entziehen. Er stilisiert sich weder zum übermenschlichen Helden – er ist ebenso schwach, legt sich zum Protest einfach auf den Boden (und erinnert daran, dass er zu diesem Zeitpunkt ja trotz seiner sonstigen Erfahrungen eigentlich ein Kind ist) – noch zum Opfer einer rigiden Gesellschaft. Sondern l(i)ebt. Nur eben nach seinen ganz eigenen Vorstellungen.

Zur Produktion: Die ungekürzte Lesung wurde auf der Grundlage der Übersetzung von Heinrich Conrad (1906) redaktionell überarbeitet und gesprochen von Alexis Krüger (Regie: David Fischbach, Verlag: Buchfunk).

Der physischen Version des Hörbuchs liegt ein Booklet mit praktischem Inhaltsverzeichnis und einem ausführlichen Geleitwort bei. Darin stellt Roger Willemsen unterhaltsam Casanovas Fähigkeiten als Blender, als Gefühls-Materialist, und als überaus neugierigem Portraitierer des 18. Jahrhunderts heraus.

 

 

Unsere Bewertung:

Sprecher:
Handlung: 
Charaktere:
tech. Umsetzung: 
Cover: 
Emotion:
 
22 Punkte = Hörspaß

Cover: © Buchfunk

Jetzt bei audible downloaden

oder