Arne Dahl: Ungeschoren
Written by Martina Ernst |
 
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Arne Dahl ist das Pseudonym des schwedischen Autors Jan Arnald. Mit seiner Kriminalreihe um den Stockholmer Inspektor Paul Hjelm und die Sonderermittler der A-Gruppe schaffte er 1998 seinen Durchbruch als Schriftsteller. In Band 6 „Ungeschoren“ hat es die Spezialabteilung für internationale Kriminalverbrechen gleich mit mehreren Fällen zu tun. Sorgt da jemand für Gerechtigkeit? Alle Opfer sind in irgendeiner Form selber Täter.

„Nichts sprach dafür, dass sie die Nacht überleben würde.“ Die junge Kurdin Naska steht unter Polizeischutz und hat eine neue Identität erhalten. Das kann sie nicht davon abhalten, sich mit ihrem Bruder zu treffen. Sie weiß, er will sie töten, aber sie glaubt an ein Wunder. Ein Fernsehkritiker ermordet den Fernsehchef und kann sich nachher nicht mehr an alles erinnern. Insgesamt gibt es vier Fälle, die das Sonderermittlungsteam der A-Gruppe beschäftigen. Die Täter sitzen in Haft. Plötzlich gehen ein anonymes Fax und ein anonymer Anruf ein. Anschuldigungen gegen Jorge Chaves werden vorgebracht. Sein Jazz-Café „Miles“ soll ein Umschlagplatz für Drogen gewesen sein. Nimmt der Sonderermittler in Vaterschaftsurlaub selbst Drogen? Weiterer Ärger steht ins Haus, als heraus kommt, dass der schwule Neuzugang des A-Teams, Jon Andersen, von Kollegen schikaniert wird.

 

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„Ungeschoren“ startet unpersönlich und melancholisch mit einem, erst namenlosen jungen Mann. „Er weiß, dass nichts jemals zu Ende ist.“ Naska sammelt sieben Sorten Blumen, ein Mittsommernachtsbrauch. „Alles, was ich will, ist leben.Es dauert eine ganze Weile bis sich das Verwirrspiel um die einzelnen Szenen, Personen und Fälle löst. Bis dahin fehlt es an Tempo und Spannung. Zu viele Eindrücke prasseln auf den Zuhörer nieder. Verknüpfungen sind nicht ersichtlich. Hinweise lassen sich nicht enttarnen. Dazu fehlt es noch an Informationen und Durchblick. Die Situation des Jon Andersen erregt Mitleid. Wie können Menschen so grausam sein und so weit gehen? Jan Arnald befasst sich in diesem Krimi mit den aktuellen Themen Homosexualität, Anderssein, Misshandlungen, Mobbing, den Entgleisungen der Gesellschaft. Der Zeigefinger ist sichtbar, stört aber nicht. Nicht oft genug können diese Dinge angesprochen werden. Weggucken, so tun als wäre nichts, ist längst out. Sprecher Till Hagen hat es schwer, während diesen Krimis für Atmosphäre zu sorgen. Erst zum Schluss gibt es leidenschaftliche Ausbrüche. Er kann nur das Rätselspiel klarmachen, die einzelnen Positionen aufzeigen. Das Fragezeichen bleibt. Wer ist Opfer, wer ist Täter, wer ist unschuldig? Die Vernehmung des Fernsehkritikers mit der Ballontaktik hinterlässt bleibenden Eindruck. Gibt es wirklich nur zwei Möglichkeiten, Gewalt oder Worte? Eigentlich ist die Geschichte sehr gut konstruiert. Das wird am Ende klar. Das Gefühl von Erleichterung macht sich breit. Der Zuhörer ist doch nicht der Dumme. „Ungeschoren“ ist wahrscheinlich leichter in Buchform zu verfolgen. So muss man sich schon sehr konzentrieren, um am Ball zu bleiben und die Fäden zusammenzuhalten. Die kurzen, persönlichen Einblicke in das Leben der Ermittler helfen einem ein bisschen darüber hinweg.

Auf dem Cover ist ein Schatten in einer milchig-nebeligen Umgebung zu sehen. Nur die Hände sind deutlich umrissen. Der oder die Mörder sind noch unsichtbar, nicht greifbar. Das Cover bleibt nicht im Gedächtnis. Es ist nicht deutlich genug an die Geschichte angelehnt. Der Aufbau des Krimis macht es aber auch schwer, die passende Covergestaltung dafür zu finden. Es soll nicht zu viel verraten. Fans von Arne Dahl werden diesen Krimi wahrscheinlich lieben. Er ist ungewöhnlich, rätselhaft und befasst sich, mittels Themen wie einem verdummenden Fernsehprogramm, auf kritische Weise mit der heutigen Gesellschaft. Die überraschende Wendung zum Ende reißt noch etwas raus und auch die Tonbandaufnahmen der Vernehmungen trösten über die Zeit auf dem Holzweg hinweg. 454 Minuten Herausforderung

 

Unsere Bewertung:

Sprecher: 
Handlung: 
Charaktere:
tech. Umsetzung:  (3,5)
Cover: (2,5)
Emotion:
 
18 Punkte = Rohdiamant

Cover: © steinbach sprechende bücher

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