Sarah Pinborough: Sie weiß von dir
Written by Franziska Pütz |
 
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Normalerweise spielt das Cover bei der Rezension eines Hörbuchs keine übergeordnete Rolle. Im Fall von „Sie weiß von dir“, geschrieben von Sarah Pinborough, ist das jedoch anders. Das Netz aus roten Fäden auf schwarzem Grund deutet auf ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, auf verschlungene Schicksale, Manipulation und gefährliche Verstrickungen. Kurzum: es scheint, als warte ein klassischer Psycho-Thriller. Dieser Eindruck wird durch die Bezeichnung als „Thriller“ auf der Vorderseite und als „psychologischer Thriller“ auf der Rückseite, der ein „mordsmäßige[s] Finale“ habe, bestärkt. Auch der Klappentext lässt auf einen einwandfreien Bezug zur Realität hoffen. Nichts deutet darauf hin, dass sich das Hörbuch von der Wirklichkeit verabschieden wird.
 
Wer sich auf diese Einordnung verlässt, wird indessen auf eine falsche Fährte gelockt. An deren Ende wartet die große Enttäuschung – zumindest, wenn man kein Mystery-Fantasy-Fan ist. Doch genauer zum Inhalt: Louise, geschieden und alleinerziehend, lernt durch einen Zufall die geheimnisvolle Adele kennen. Zwei Welten prallen aufeinander: während Louise versucht, mit Beruf und Kind nicht im alltäglichen Chaos zu versinken, widmet sich Adele hingebungsvoll ihrer Schönheit, ihrer Rolle als Ehefrau und dem Anwesen, das sie mit ihrem Mann David bewohnt. Obwohl die beiden vermeintlich nichts gemeinsam haben, freunden sie sich intensiv an. Allerdings ist es von Anfang an eine seltsame Freundschaft. Zwar verbringen die beiden Frauen viel Zeit zusammen. Offen und ehrlich verhalten sie sich aber nicht. Jede der beiden hütet ihre persönlichen Geheimnisse: Adele wird von Erinnerungen an ihre traurige Kindheit eingeholt und verhält sich immer wieder sonderbar. Ihr Ehemann David scheint sie wie eine Gefangene, einen Vogel im goldenen Käfig zu behandeln.
 
 


Mit genau diesem Mann, einem faszinierenden, gutaussehenden Psychiater, beginnt Louise eine Affäre. Anfänglich weiß sie nicht, wer David wirklich ist. Als sie es schließlich erfährt, sind die Bande zu Adele bereits so eng geknüpft, dass es für die Wahrheit zu spät ist. Louise befindet sich zwischen den Fronten ohne wirklich zu bemerken, dass sich die Schicksale der drei untrennbar miteinander verwoben haben. Wer jedoch die Fäden in der Hand hält, wer den Part des Guten und wer den des Bösen spielt, bleibt offen bis zum Ende.

An diesem Ende des Hörbuchs scheiden sich die Geister. Bis zum „mordsmäßige[n] Finale“ ist „Sie weiß von Dir“ eine richtig spannende Geschichte. Die Autorin spricht interessante Themen wie Nachtängste und luzides Träumen an. Auch durch ihre Erzählweise hält Sarah Pinborough das Interesse des Hörers aufrecht: sowohl Zeitsprünge in Adeles tragische Vergangenheit als auch der Wechsel der Perspektiven – mal Adele, mal Louise und schließlich ein mysteriöser Dritter – sorgen für Abwechslung ohne zu verwirren.

Die Figuren werden von den Sprechern Rike Schmid, Maria Koschny und Simon Jäger überzeugend dargestellt. Die Auswahl der Stimmen passt gut zu den Charakteren. Das gilt insbesondere für die weiblichen Sprecherinnen, die ihre Rollen hervorragend lesen. Einziger Kritikpunkt sind die manchmal etwas langatmigen Gedankengänge von Louise. Sie können die Geschichte jedoch nicht bremsen. Als Hörer fiebert man immer mehr dem Finale entgegen. Man fragt sich, was hinter allem steckt, worauf die Manipulationen hinauslaufen. Die bis dahin fesselnde Story lässt auf ein hervorragendes Ende hoffen. Diese Hoffnung mag bei einigen Hörern erfüllt werden. Andere werden die Auflösung weniger positiv beschreiben: enttäuschend, nicht überzeugend, absurd.
 
 

Unsere Bewertung:

Sprecher:
Handlung:
Charaktere:
tech. Umsetzung:
Cover:  
Emotion:
 
19 Punkte = Rohdiamant
Cover: © DAV