Schauergeschichten vom Schlund des Tunnels
Written by Martina Ernst |
 
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Viel zu früh sind Robert und seine Stiefmutter auf dem Bahnhof. Prompt schläft sie ein und schreckt kurze Zeit später aus einem Alptraumnickerchen hoch. „Ich sehe einen Kuss und einen langen, furchtbaren Tunnel.“ Robert schlägt die böse Vorahnung in den Wind. Mit jeder Station füllt sich das Abteil, in dem er sitzt. Ein Major, Bischof, Landwirt und Arzt. Erst ist der Fensterplatz ihm gegenüber frei, und nach einem kurzen Einschlummern, sitzt dort eine sehr hübsche, in Weiß gekleidete Frau. Der Zug hatte vor einem Tunneleingang angehalten. Keine Durchsage, niemand, der eine Erklärung dafür abgibt. Die anderen Mitreisenden schlafen tief und fest. Um ihm die Zeit zu vertreiben, beginnt die Frau Geschichten zu erzählen. Eine unheimlicher als die andere. So langsam fragt sich Robert, was hier los ist. Die anderen Reisenden lassen sich einfach nicht wecken und die Frau ist die Ruhe selbst. Außerdem quält ihn so langsam die Müdigkeit.

 

Wer „Onkel Montagues Schauergeschichten“ kennt, wird auf Nachschub sehnlichst gewartet haben. Auch im dritten Band steigern sich die Geschichten langsam. Die weiße Frau fasziniert von Anfang an. Es ist zu spüren, dass sie ein Geheimnis umgibt, aber man weiß einfach nicht welches. Das Rätselraten hält sich bis zum Schluss. In der Zwischenzeit geht es immer atemloser zu. „Die Geschichten der Frau zogen mich völlig in den Bann.“ Der Satz trifft nicht nur auf Robert, sondern auch auf einen selbst als Zuhörer zu. Eine altbekannte Musik und unheimliche Geräusche wie ein mysteriöses Tropfen, Windrauschen, knisterndes Feuer, Gesumme, tickende Uhr, Schritte untermalen die beklemmende, gruselige Atmosphäre. Roberts Vorliebe fürs Unheimliche und Übernatürliche nimmt die weiße Frau beim Wort. Die erste Geschichte mit dem Vater, der seine ganze Aufmerksamkeit seiner Pflanzensammlung widmet, hat eine grausame Überraschung parat. Das ist der Clou dieser Hörbuchreihe. Es gibt selten etwas, dass sich vorausschauen lässt. Jedes Mal bleibt man sprachlos zurück. Der Autor hat eine blühende Phantasie, erzeugt durch geschickte Plots Gänsehaut. Die Geschichten hallen nach. Wenn Robert schrecklich klare Bilder vor Augen sieht, geht es einem genauso. Man ist versucht, in der Realität nach Details aus der Geschichte zu suchen. Oft ist Rache im Spiel, Hass oder Konkurrenzdenken, z.B. wie in der Geschichte mit Schwester Veronika. „Glaubst du Vergangenes kann zum Leben erwachen und die Gegenwart beeinflussen?“ Robert ist der festen Meinung, alles Übersinnliche lässt sich ausreichend erklären. Er erinnert an Edgar aus „Onkel Montagues Schauergeschichten“, der sich anfangs auch angstfrei und unerschrocken gibt. Robert hält sich wacker.

Sprecherin Katja Brügger taucht in die verschiedenen Empfindungen der Protagonisten ein. Angst, Entsetzen, Zweifel, Wut. Sie erhöht die Stimme wenn nötig, schreit, flüstert, lässt die Spannung greifbar werden. Die mysteriöse, weiße Frau gelingt ihr fabelhaft. Robert versucht solange wie möglich die Normalität in der immer merkwürdigeren Situation aufrecht zu erhalten. Er legt wert auf sein Benehmen, ist hin und her gerissen zwischen Misstrauen, Zweifel und dieser seltsamen Anziehungskraft der Frau. Katja Brügger bringt ihn glaubhaft rüber. Besonders gruselig geht es in den Geschichten mit dem Puppentheater und flüsterndem Jungen zu. Für Jugendliche ab 12 Jahren und Erwachsene ein ganz besonderes Hörvergnügen. Keine Gutenachtgeschichten eher etwas für den helllichten Tag.

Das Cover ist genau wie bei „Onkel Montagues Schauergeschichten“ mit schaurigen Details wie Skeletthänden, seltsamen, winzigen Wesen, einem Harlekin, aus den Geschichten gespickt. Das Unheimliche dieser Dinge wird erst im Laufe des Hörbuchs offenbart. Viele kleine Geschichten in einer großen. Das Ende überrascht nicht nur Robert. Der Junge scheint nicht der einzige Zeuge zu sein. Wer taucht immer wieder am Rand der Bilder auf? Spannend bis unter die Haarwurzel. Nichts, was man mit starken Nerven verpassen sollte.

 

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Sprecher:
Story:
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18 Punkte = hervorragend

Cover: © audiolino

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