Max Frisch: Stiller
Written by Adriane Haussmann |
 
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Wenn du in den Spiegel blickst und dir dein Spiegelbild entgegenschaut, was siehst du dann? Ist es das selbe, was die anderen um dich herum auch sehen? Oder ist es jemand, den die anderen anscheinend nicht erkennen können?

Als Herr White die Schweiz betritt, wird er für Herrn Anatol Ludwig Stiller gehalten. Da der Mann dessen Identität streng verleugnet, wird White in Untersuchungshaft gesperrt. Als Beweis dafür, dass die Beschuldigung, er sei Stiller, der Tatsache entspricht, werden nach und nach Menschen aus Stillers Lebens in Gefängnis geholt. Sie alle erkennen in Herrn White den seit Jahren vermissten Stiller.

Aber dieser leugnet weiterhin vehement. Er erzählt seinem Wächter, der einzige, der ihm aktuell glaubt, das Leben als White. White schreibt eine Art Tagebuch über die Erzählungen der Besucher und beginnt sich ein Bild über Stiller zu machen. Was war er für ein Mensch? Warum ist dieser verschwunden? Es kommt wie es kommen muss. Nach und nach kommt die wahre Wahrheit ans Licht.

Mit „Stiller“ schaffte Max Frisch seinen Durchbruch als Autor. Der Roman über die Identitätskrise des Herrn Stiller spielt in den 50er Jahren und lässt den Leser  eine Weile im Regen stehen. Erst nach und nach begreift der Leser, wer wer ist. Und wer dem Falschen falsches glaubt, wird mit Enttäuschung bestraft.

 

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Obwohl der Roman mittlerweile einige Jahre auf dem Buckel hat, ist seine Thematik immer noch aktuell. Wenn das Leben schief geht, möchten viele die Haut einfach abstreifen und in eine neue schlüpfen. Doch was ist, wenn nur die alte Haut wirklich passt?

NDR kultur hat den Literaturklassiker von Max Frisch, der auch „Homo faber“ schrieb, als aufwändiges Hörspiel inszeniert. Neben mehreren Sprechern ist vor allem die Umsetzung sehr aufwendig. Stiller bzw. Whites Gedanken sind im Vordergrund laut und deutlich zu hören. Eine weibliche Stimme kündigt die verschiedenen Teile des Buches an in den wir uns aktuell befinden. Und wenn sich Stiller in seinen Aufzeichnungen an eine Erzählung erinnert, hören wir die ursprüngliche Erzählung leise im Hintergrund. Es ist ein Wechselspiel zwischen Laut und Leise. Zwischen ganzen Sätzen und Wortfetzen.

Durch die meiste Zeit des Hörspiels führen uns die Aufzeichnungen von Stiller, nur am Ende übernimmt der Staatsanwalt die Aufgabe eines Erzählers und berichtet aus dem Leben Stillers nach dem Prozess. Dabei werden auch einige Passagen wiederholt, allerdings jetzt aus einer anderen Perspektive, die Spielraum für neue Interpretationen gibt.

Durch die Inszenierung wird der etwas trockene Stoff interessant aufbereitet, allerdings muss man genau zuhören, um dem literarischen Werk folgen zu können. Die Wechsel zwischen Laut und Leise haben zwar ihren künstlerischen Sinn, haben aber auch zu Folge, dass man das Hörspiel immer wieder laut und leise dreht, um wirklich jedes Wort zu verstehen. Dennoch ist die Atmosphäre sehr gelungen. Man spürt die Kühle, die die Protagonisten in ihren Leben haben. Man spürt den Hass, der herrscht und keine Chance für ein Aufkeimen von Herzlichkeit lässt.

Das Hörspiel „Stiller“ ist aufbrausend und leise zerbrechlich zugleich, ganz so wie die einzelnen Charaktere in der Romanvorlage, die aus der Eindimensionalität durch ihren Umfang gekonnt heraustreten können.

Der Hörverlag veröffentlichte mit dieser Produktion eine schöne Idee Literatur lebendig wirken zu lassen, die auch bei einer jüngeren Generation punkten könnte. Denn durch die Inszenierung hat das Hörspiel gegenüber dem Buch eine größere Dynamik, die mitnimmt. Und wenn der letzte Ton verklungen ist, ist es vor allem ein Satz, der einem in den Ohren nachklingt: „Ich bin nicht Stiller!“. Wie eindeutig zweideutig und wahr dieser Satz doch ist.

 

Unsere Bewertung:

Sprecher : 

Story: 

Aufbau: 

Atmosphäre: 

16 Sterne= hervorragend

Cover: © Hörverlag

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